Der Weißstorch in der Hammeniederung

Der Weißstorch hat sich als einziger Großvogel freiwillig dem Menschen angeschlossen und sich in dessen Lebensraum eingefügt, während sein Vetter der Schwarzstorch heimlicher Waldbewohner geblieben ist. So wurde er bald zum Glücksbringer, Hausbeschützer und verantwortlich für den Kindersegen.

Die natürlichen Brutgebiete in unseren Flussauen sind längst durch Kultivierung verloren gegangen. Der Weißstorch hat als Kulturfolger einen Ersatzlebensraum in naturnah bewirtschafteten Feuchtgrünlandgebieten gefunden. Durch Eingriffe in den Wasserhaushalt und intensive Grünlandwirtschaft ist ihm aber in den letzten Jahrzehnten auch dieses Refugium weitgehend genommen worden. In der Hammeniederung begann dies in den späten 50er Jahren und hat seinen vorläufigen Abschluss mit der Inbetriebnahme des Lesumsperrwerkes 1979 gefunden.

Bestandsentwicklung der Störche im Landkreis Osterholz seit 1950

Während in den 50er Jahren von ca. 14 Brutpaaren durchschnittlich 30 Jungstörche aufgezogen wurden, reduzierte sich der Bestand nach 1980 auf nur noch ein bis vier Brutpaare. 1995 wurde kein einziger Jungstorch flügge.

Auch die Horste auf der Bremer Wümmeseite sind seit 10 Jahren nicht mehr besetzt. Es sind in der Niederung noch genügend Nestunterlagen vorhanden, so dass es hieran nicht mangelt.

Verschlechterung des Lebensraumes

Als lokale Ursache für das Ausbleiben der Nestpaare war der Verlust der Nahrungsgrundlage im Nestumfeld mit einem Radius von einem bis drei Kilometern anzusehen. Der Storch hat ein breites Nahrungsspektrum von Mäusen, Insekten (Laufkäfer, Heuschrecken, Raupen, Libellen), Schnecken, Regenwürmern, Fröschen (entgegen landläufiger Meinung keine vorherrschende Nahrung), bei Gelegenheit auch Maulwürfe, Fische, Krebstiere, Eidechsen sowie Aas jeglicher Art. Durch Entwässerung und Nutzungsintensivierung waren in den Ortsrandlagen von Worpswede, Ritterhude und Osterholz Kleinstrukturen wie Kleingewässer, Ufer- und Flachwasserbereiche mit ergiebigem Nahrungsangebot verloren gegangen. Die Versorgung der Jungvögel war kaum noch gewährleistet.

Neben den lokalen Ursachen wirken sich auch die Bedingungen des atlantischen Klimas mit häufigen Regengüssen und die Gefahren auf dem Zuge und im Winterquartier aus. Das Vorkommen der Störche im Landkreis Osterholz liegt im sogenannten Mischgebiet zweier Zugrichtungen. Beide bekannten Zugwege – über die Meerengen am Bosporus und bei Gibraltar – sind durch Ringfunde aus der Hammeniederung belegt.

Es geht wieder bergauf!

Die Wiederansiedlung des Storches ist in erster Linie durch eine Wiederherstellung natürlicher Vernässung im Nestumfeld zu erreichen. Hieraus ergibt sich automatisch eine Reduktion der Nutzungsintensität und die Ausdehnung amphibischer Lebensräume, von der die gesamte Lebensgemeinschaft der Feuchtniederungen profitiert. In den letzten Jahren (seit 2004) gab es eine Trendumkehr, die Anzahl der Brutpaare nahm wieder deutlich zu. 2016 gab es soviele Brutpaare wie noch nie seit den 1950er Jahren.  Als Ursache hierfür ist die Extensivierung der Flächennutzung im Rahmen des Naturschutzgroßprojektes in der Hammeniederung zu nennen. Sie schafft wieder bessere Lebensbedingungen für den Weißstorch und es ist zu hoffen, dass sich der Bestand dauerhaft erholt. Jahr für Jahr wächst die Zahl der Brutpaare.

“Wildstörche”

Die Hammeniederung ist sicherlich noch ein bedeutendes Nahrungsbiotop für ausgewachsene Störche. Sogenannte Wildstörche (Nichtbrüter und noch nicht geschlechtsreife Störche im Alter von ein bis ca. fünf Jahren) sind in manchen Jahren zwischen Mai und August in umherstreifenden Trupps von bis zu 40 Tieren zu beobachten. Viele erinnern sich noch an die tote Eiche in Viehland, auf der sich abendlich bis zu 17 Störche zur Nachtruhe versammelten, besonders im Schein der untergehenden Sonne ein eindrucksvolles Erlebnis. Leider wurde der Baum im nächsten Frühjahr vom Pächter beseitigt.

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